Seelenspiegel
Wehret der Omen! Die Fülle schäumt über, die Nebel rücken nah und das lachende Volk kehrt zu seinem Fluch zurück. Wer widersteht einem Hunger, der weder die Lebenden noch die Toten scheut?
Das lachende Volk
Lange hielt man das lachende Volk für verschollen, verjagt in die mondlosen Tiefen der See. Fast schon hatte man sie vergessen, die krallenbewehrten Jäger, die des nachts mordend durch die Lande zogen und in mächtigen Packs ganze Siedlungen terrorisierten. Der Schrecken war verblasst, die Erzählungen zu Schauermärchen verkommen. Dem Xarax wurden nur noch freche Kinder zum Fraß vorgeworfen.
Tatsächlich konnten die Xaraxar, fernab ihrer einstigen Heimat, eine gänzlich neue Gesellschaft für sich erschaffen: geprägt von Weisheit, Respekt und künstlerischer Schaffenskraft. Der neue Strom formte sich. Nur äußerlich glichen die Xaraxar noch den einst gefürchteten Jägern. Nun ans Leben im Meer angepasst, mit glänzender Schuppenhaut und Kiemen versehen, blitzten ihre Raubtierzähne allenfalls in aufrichtigem Lachen. Statt zu jagen, waren die Xaraxar des neuen Stroms zu friedlichen Beschäftigungen übergegangen. Seewirtschaft wurde betrieben, Perlen gezüchtet, Architektur gepflanzt und zahllose Kunstformen mit großer Liebe zum Detail ausgeübt. Gelehrsamkeit, Weisheit und Friedfertigkeit wurden zu Grundpfeilern ihrer Kultur.

Von den Nöten des Überlebenskampfes erlöst, traten die übersinnlichen Begabungen der Xaraxar hervor. Begabte Visionäre, die Xavare, tauchten bis tief ins Amra hinab, um der Allmacht geheimes Wissen zu entlocken. Man perfektionierte die Erschaffung von Talismanen und erwirkte mit ihnen Wünsche, aber so mancher ließ sich auch verführen, die dunkleren Tiefen seiner Begabung auszuloten. Nicht nur ein Xaraxar misshandelte seine Seele und stürzte sich und andere damit ins Unglück, weswegen man entschied, nur den Xavaren das Wissen um sie zu gestatten.

Wie bedroht ihr neuer Lebenswandel war und in welchen Zwiespalt sie unweigerlich geraten mussten, verstanden die Xaraxar erst, als Amras Wandel sich auch unter Wasser offenbarte. Von einer unüberwindlichen Bedrohung immer näher an die Küsten gedrängt, erweckte das Mondlicht in ihnen, was sie niemals wieder hatten zulassen wollen: den Fluch Oas. Wo ein Schimmer des Gestirns auf einen hungernden Xaraxar trifft, zeigt sich das Grauen der Verwandlung, als wäre keine Zeit vergangen. Ihre Bestienform macht Jagd auf alles, was nach Fleisch oder Seele duftet. Ihr Verstand schweigt und ihre Instinkte kennen weder Zurückhaltung noch Gnade. Ihr Körper regeneriert sich nach vollendetem Mahl – selbst aus dem Tode heraus. Immer mehr Neuströmer müssen sich an Land wagen und immer mehr verfallen dem Fluch. Doch wer sich dem Hunger auf Fleisch nicht gewachsen zeigt, der findet sich alsbald in einer gänzlich anderen Form von Gesellschaft wieder: dem alten Strom. Vergessen der Feinsinn, verloren die Errungenschaften. Im Pack regiert nur die Stärke und nur Gnadenlosigkeit verdient sich Respekt.

Die Fülle Oa | Die Leere Xoa
Oa & Xoa