Das geflügelte Volk
Die Sylphen sind ein Volk, das den Himmel kennt wie andere nur den Boden – und das dennoch in strengen Grenzen lebt. Ihre Ketten, geschmiedet aus Glaube, Tradition und Wahrhaftigkeit, erstrahlen als Reinheit, trügen jedoch in ihrem Glanz. Ihre Flügel schenken ihnen die Weite der Lüfte, aber ihr Alltag gehört Epheon, dem allsehenden Gott. Freiheit beginnt für sie mit nur einem Flügelschlag, endet aber rasch an den Mauern von Dynastien, Riegen und Geboten, die selbst die verborgensten Regungen der Seele zu zähmen wissen.
Die Weltordnung der Sylphen ist streng patriarchalisch und wer in der hohen Gesellschaft geboren wird, lebt in den fliegenden Städten, die stolz über Pheretia schweben: Relikte prachtvollster Art, die unbezwingbar erscheinen und sich doch als fragil erwiesen, als Amras Wandel mehrere von ihnen zu Boden stürzen ließ. Ungeachtet dieser historischen Tragödie, floriert ihr Reich. Die Sylphen leben im Luxus, feiern gottgewollte Feste und frönen hoher Kunst und erlesener Kulinarik. Der machtvolle Ruf ihres Militärs, die Ehrbarkeit ihrer Händler und Güte ihrer Priester klingt weit über die Grenzen Pheretias hinaus. Eine Ferne, die viele Sylphen lockt, auch wenn sie niemals zu bleiben vermögen, wollen sie Leib und Seele nicht an den Makel verlieren.
Ihr Glaube an Epheon ist felsenfest und allgegenwärtig. Seine Gebote schützen sie vor eben jener Besudelung und definieren, wer sie sind und wer sie sein dürfen. Traditionelle Ehen stellen unauflösliche Schwüre dar, jegliche davon abweichende Liebe ist derweil streng verboten. Beziehungen zu Volksfremden und gleichgeschlechtliche Neigungen gelten als schwere Verirrungen, die nicht nur das soziale Gefüge, sondern auch das Seelenheil bedrohen.
Am deutlichsten zeigt sich die unsichtbare Fessel der Sylphen in Epheons Blick: einer Gabe, die jede Ausrede erstickt. Wer ihr ausgesetzt ist, kann nicht lügen – doch auch der Sylph, der sie wirkt, ist an die Wahrheit gebunden, gebannt in einem Augenblick absoluter Offenheit. Solch eine Gabe zur Offenbarung mag die Unschuldigen schützen, doch mehr als das kann Epheons Schwur eine beängstigende Geißel sein, die Schwurbruch unausweichlich in Alpträume, Reue und seelische Zerrüttung münden lässt. Eine ewig währende Folter, die nur ein gnädiger Priester aufzuheben vermag.
Ein Sylph, der vom rechten Weg abweicht, wird an einen gepriesenen Ort gebracht, der als Heilstätte Verirrter gilt. Wer aus Elysis wiederkehrt, wirkt tatsächlich wie erlöst. Fast scheint es gar, als sei etwas Tieferes, Unnennbares in ihm neu justiert worden. So bleiben die Sylphen ein Volk, das den Himmel berührt und doch in einem Käfig aus Glauben, Schwüren und gesellschaftlicher Erwartung lebt – mit Wünschen nach so viel mehr, als ihre Gebote ihnen jemals erlauben werden.