Seelenspiegel
Kein Mysterium ist vor den Issír gefeit. So elegant ihre Masken jedoch wirken, so rätselhaft ist ihr Naturell, das dem Unwissenden stets verborgen bleibt. Schlägt ihr Herz allein für ihre Ziele oder schlägt es überhaupt?
Das wissende Volk
Die Issír sind ein Volk, das sich ganz dem Wissen verschrieben hat und zugleich von ihm zerrissen ist. In ihrer lebensfeindlichen Heimat streben sie nach Erkenntnis, getrieben von einem manischen Ehrgeiz, der jeden Funken Emotion berechnender Klarheit unterstellt. Ihre bleiche Haut und die makellosen Gesichtszüge wirken wie aus Eis gemeißelt und doch sind es ihre Masken, die sie wie zweite Gesichter tragen: Zeugnisse ihres Strebens nach Neutralität, Sinnbilder ihres Daseins zwischen Mysterium und Offenbarung.

Denn das wissende Volk lebt in zwei Aspekten – dem wissenden und dem unwissenden. Mit dem Aufsetzen ihrer Masken erwacht ihr scharfer Geist: Gedanken verlaufen wie an kristallklaren Kanten, blitzschnell, präzise und kompromisslos. Doch diese Brillanz hat ihren Preis. Sobald ein Issír die Maske ablegt, verliert er sein errungenes Wissen und jegliche Erfahrung, die er als Issír besaß. Ein Unwissender bleibt zurück, kaum mehr als ein blasser Schatten. Kehrt jener zum Wissen zurück, erinnert sich sein erneut wissender Aspekt nicht an diese Zeit im Unwissen. So wandelt jeder Issír in einem endlosen Kreislauf aus Erkenntnis und Vergessen, in seinem Wissen über sich selbst entzweit.
Ihre Gesellschaft spiegelt diesen Zwiespalt wider: glasklar in Logik, unnachgiebig im Denken, diszipliniert bis zur Härte. Ein Issír misst den Wert einer Handlung allein an dem, was sie lehrt. Ineffizienz gilt als Schwäche, Präzision als Tugend. Dennoch geht von diesen eiskalten Taktikern eine fremdartige Faszination aus – ein maskenhafter Charme, der manche anzieht wie Motten das Licht. Man weiß nie, ob das Lächeln eines Issír aufrichtig ist oder nur eine berechnete Geste, die einem rücksichtslosen Zweck dient.

Wer den Issír begegnet, begegnet auch ihrer Macht des Geistes. Unter ihnen fließen Gedanken und Empfindungen über unsichtbare Fäden, gespiegelt zwischen Trägern gleichartiger Masken. Diese Verbindung, so unerklärlich wie machtvoll, lässt sie einander fühlen, lesen und sogar lenken. Rätselhafte Gaben, die ihnen ebenso viel Bewunderung wie Argwohn bescheren, denn nach einer Erklärung fragt man sie vergebens.

Doch nicht alle Issír tragen weiß. Fern der eiskalten Heimat hat sich ein Splitter abgespalten: die schwarze Loge. Wo die Weißmaskierten mit kühler Vernunft und Logik glänzen, umgibt die Schwarzmaskierten ein Strom aus Empfindung, Wortwitz und Charme. Sie lesen Emotionen wie andere Linien in der Hand. Ihr Auftreten ist schmeichelnd, verführerisch, gefährlich. In der Gesellschaft der schwarzen Magister verschwimmen Erkenntnis und Verführung, Wissen und Manipulation. Sie sind dunkle Spiegelbilder, die als 'falsche' Issír von der weißen Loge geächtet sind – Tag und Nacht eines Volkes, das sich in seiner Suche nach Perfektion in immer stärkerer Spaltung verliert.

Mizzáll
Mizzall