Das verlorene Volk
Die Grame verkörpern Amras Wandel. Sie sind die Opfer einer Macht, die ins Chaos gestürzt ist. Niemand weiß, nach welcher Gesetzmäßigkeit ihre Gestalt und ihr Verstand sich verändern; ebenso, wie aus ihren Augen endlose Fragen sprechen. Sie beginnen ihr Leben als Geschöpfe, die sich selbst nicht begreifen. Was sie einst waren, ist mit ihrer Verwandlung verblasst. Zurück bleibt nur eine rätselhafte Existenz – trügerisch machtvoll und voller Widersprüche. Sie suchen nach Erkenntnis und wollen zurückerlangen, was sie einst waren, doch in den Splittern, an die sie sich zu erinnern meinen, finden sie nur Spiegelungen ihres eigenen Wahns, selten Wahrheiten. Manch einer behält seine Vernunft, andere stürzen ins geistige Chaos oder schwanken unaufhörlich: verirrte Reisende in einer fremdartigen Welt, Logik und Irrsinn fest ineinander verschlungen.
Grame stammen aus allen Völkern Thans. Ihr Wandel tilgt alle Schwüre und Verbindungen, lässt aber ihr Wesen in Verzerrung zurück. Jeder Wandel trägt ein anderes Schicksal in sich – Gabe und Fluch, Segen und Last. Das wilde Amra kennt kein Maß. Es schenkt und zerstört wahllos und obgleich die Grame diese unzähmbare Macht fürchten sollten, fühlen sie sich unaufhaltsam zu ihr hingezogen. Amra ist ihnen nicht Unheil, sondern Erlösung; ein gütiges, berauschendes Phänomen, dem sie sich kaum entziehen können.
Viele Grame, die Vernunft beweisen, verbergen ihr Wesen unter Stoff und Schweigen. Sie lernen, sich anzupassen und wagen sich in Städte, hoffend, ein verlorenes Leben wiederzufinden oder ein neues zu beginnen. Trotz aller Ablehnung ist der Lebenswille der Grame ungebrochen. Sie lieben, auch wenn ihre Liebe keine Kinder kennt; sie schaffen sich Familien aus Freundschaft und in ihren Liedern schwingt die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Sinn. Manche ziehen umher, getarnt als Künstler oder Vagabunden; andere verwandeln ihre Andersartigkeit in bare Münze. Doch überall droht Gefahr. Man sieht in ihnen Mahnung, Bedrohung und Missetat. Man fürchtet sie und tötet sie oft skrupellos. Manch Furcht ist berechtigt: Wahnsinnige Grame grasieren als Plage. Solche Mahrgrame scheinen nur noch aus Wildheit zu bestehen. Aber nicht zuletzt sind es auch vernunftbegabte Grame, die Ihresgleichen in Verruf bringen. Eben dann, wenn sie nachhelfen, um auch andere in den Genuss einer amrischen Verwandlung kommen zu lassen.