Seelenspiegel
Mit Worten, die Demut erzwangen, hielten die Dracier die Welt fest in ihrem Griff. Bis die Stille sie einholte. Werden auch ihre Erben der Versuchung der Macht erliegen?
Männlicher Dracier
Das verbannte Volk
Gefürchtet als verbannte Tyrannen, fristen die letzten Dracier ihr Dasein im Exil: als Gefangene eines Sündenfalls, der lange vor ihrer Zeit geschah. Man erzählt ihnen, ihre Vorfahren seien Wahnsinnige gewesen, machttrunken, Narben im Bewusstsein der Welt. Wie damit umgehen, wenn man eine Strafe erbt, fernab des eigenen Wissens und Verschuldens?​

Alle Draciern besitzen von Geburt an Gaben, die sowohl Segen als auch Fluch für sie bedeuten. Ihre Leben enden beängstigend früh, während sie zugleich die Chance erhalten, ihre Lebenszeit in unbegrenztem Maße zu verlängern. Vorausgesetzt, sie lernen, mit fremder Zeit zu handeln, sie zu rauben oder sich zu verdienen. Dracier sind Meister des Deals. Ihre amrischen Stimmen umschmeicheln, wecken Begehrlichkeiten und verleiten zu manch riskantem Plan. Eine nützliche Gabe, wäre da nicht die ewige Versuchung, sie auszureizen und mittels eines Machtworts die Welt ihrem Willen zu beugen. Unbezwingbarer Einfluss ohne Konsequenz? Keineswegs. Ein Handel mit kostspieligem Ende, der sie unwissentlich zu Sklaven unbeherrschbarer Gelüste macht.

Dracier gewinnen durch Amra schier unbegrenzte Macht. Eine verborgene Energie, die sich in schillernden Schlieren, strahlenden Partikelwolken und Stürmen aus grellem Chaos zeigt, sichtbar für ihre Augen allein. Für Dracier ist die Welt jenseits ihres Exils voller Potenzial, ein Ort der Sehnsucht, an dem Gefahr und Verlockung ineinanderfließen.​

Ihre Gestalt verrät ihre Natur: schuppenbedeckte Haut, geschlitzte Pupillen, Hörner, Krallen, Schwänze und mitunter sogar Schwingen. Auf Oumut leben sie in vertrauter Gemeinschaft, zum Schweigen verdammt, beobachtet von gewissenhaften Wächtern. Hier, fern jeden Ufers, sind ihre berüchtigten Kräfte unwirksam – bis auf ihre Gabe, die Lebenszeit anderer zu sehen. Ein beständiges Memento mori, das über ihrer aller Köpfe schwebt. Vielleicht feiern Dracier deshalb jede kleine Freude exzessiv, schwelgen in jedem seltenen Luxus, bewundern eine jede Ware, die sie erreicht. Denn wann immer sie es sehen wollen, erkennen sie, wie wenig Zeit ihnen dazu noch bleibt.​

Die Welt jenseits ihres Exils meidet sie, verrät sie, jagt sie. Ein entflohener Dracier ist ein wandelnder Skandal und ein gesuchter Fang. Dennoch gibt es jene, die eine Flucht ins Unbekannte wagen: Dracier, die ihre knappe Lebenszeit lieber aufs Spiel setzen, als in Abgeschiedenheit zu verkümmern ... oder noch schlimmer: vor ihrem frühen Ende jener tückischen Fäule anheim zu fallen, die unter den jüngsten Generationen auf Oumut grasiert. Wer die Flucht wagt, trägt mehr mit sich als Hörner, Schuppen und Hoffnungen. Er öffnet sich einem Erbe, das die Welt vergessen will – und riskiert, sich selbst an den uralten Wahnsinn zu verlieren, der alledem vorausging.
Oumut – Inmitten der Drakensee
Oumut – Inmitten der Drakensee