Ascan D. Ypios

Erst Spott und dann Ansporn erfüllten ihren Zweck. Wäre es nötig gewesen, hätte er sogar noch mehr auf Lager gehabt, aber die Itharell spielte ihm in die Karten. Sie machte wirklich keinen Hehl aus ihrer Entschlossenheit. Ihre gezischte Drohung ließ ein freches Grienen in seinen Mundwinkeln aufkeimen, das jedoch abrupt erlosch, als ein Verhüllter sich entschloss, direkt neben ihm Platz zu nehmen.
Was zum...?
Noch ehe seine Augenbrauen ganz nach oben geklettert waren, vernahm sein Ohr, was sein suchender Blick vermisst hatte. „Du diebische Dohle, wohin verfliegst du dich? Noch dazu mit meiner Stimme im Schnabel..."
Wie hätte er nicht ertappt schmunzeln können? „Hallo Bruderherz", raunte er nicht minder verschwörerisch zurück, diesmal seine bevorzugte Stimme wählend. Es war eine wohlkurierte Eigenkreation, die ebenfalls – es war kaum abzustreiten – verdächtig vertraute Nuancen enthielt. „Nur eine kleine Leihgabe... immerhin war es das, was
du hättest sagen sollen."
Obwohl er den Kopf leicht drehte und jegliches Detail unter der Kapuze seines Sitznachbarn zu erspähen versuchte, wirkte der Schatten seines Bruders im Fackellicht wie ein Phantom. Ein beklemmend bekannter Eindruck, den die trockene Antwort, die folgte, nur noch verstärkte. „Ich mische mich nicht in die Schattenkämpfe ein. Schon gar nicht, um Partei zu ergreifen."
Heißes Blut schoss ihm in die Schläfen. Das war die Seite an ihm, die er am wenigsten mochte. Sein Kinn wies unübersehbar zur Arena, in der der Kampf endgültig entbrannt war. „Für SIE solltest du dich einmischen! Es war immerhin ihr Brief, der dich gereizt hat! Sie ist außergewöhnlich! Eine begabte Adlerin, die es verdient, gesehen zu werden!"
„Sag bloß, du gehörst zu ihrem Schweif." Der amüsierte Unterton, der in der Bemerkung mitschwang, plusterte ihm die Federn auf. „Also deswegen lag das Schreiben so verdächtig auffällig vor meinem Bett." „Nein! Vielleicht! Selbst wenn!" Er war unbewusst etwas zu laut geworden. Ertappt die Stimme senkend, verfluchte er die peinliche Röte auf seinen Wangen. Glücklicherweise hatte ihn die Geräuschkulisse des Gewölbes übertönt. „Darum geht es nicht! Sie braucht eine Gelegenheit, um sich zu beweisen. Eine Chance, die du ihr geben kannst. Sie hat alles, was es braucht. Nimm sie in deinen Trupp auf!"
Die kurze Stille war so viel schlimmer als der sanfte Spott. „Ich treffe meine Entscheidungen nicht auf Empfehlung, Lyu. Die Zusammenstellung eines Trupps unterliegt komplexen Wechselwirkungen."
„Oh bitte!", stieß es dem jüngeren Sylphen bitter auf. „Zum Mahrgram, du wählst ständig Adler auf Empfehlung! Die Schneegans plappert einen Namen und du drehst es so, dass es passt. Auf meinen Vorschlag legst du keinen Wert?" „Die Schneegans ist, so ungern du es hörst, ein ausgebildeter Taktiker der Garde. Du dagegen..." Sein Schweigen war bezeichnend und drang Lyuvin bis tief in die Knochen. Selbst Aedias tosender Kampf, um den es ihm eigentlich ging, verblasste auf einen Schlag zum Schattenspiel. Das wollte er unmöglich andeuten... das war nicht sein Ernst... und doch... fiel kein weiteres Wort.
Mit der Kränkung im Schatten seiner Kapuze allein, merkte Lyu sich seinen Bruder anstarren. Seine vermaledeiten, adretten Fingernägel ritzten ihn schmerzhaft, so tief grub er sie in seine Haut. Ascans Gesicht blieb derweil der Arena zugewandt, auf den Kampf fokussiert. Ganz so, als wäre das Thema für ihn damit erledigt.
Die beißende Wut in seinem Atem beherrscht, seine Stimme unter Kontrolle, brachte Lyu es auf den Punkt: „Xox! Das hättest du früher nie zu mir gesagt. Seit du den Santhariel kennst, bist du anders. Du lächelst anders. Du redest anders." „Seit Aras' Tod ist vieles anders."
Was? Nein. Langsam den Kopf schüttelnd, wehrte Lyu sich gegen die Endgültigkeit in den Worten seines Bruders. Vaters Tod zu beschwören, konnte nur darauf abzielen, ihn mundtot zu machen... und zum Mahrgram, obwohl er es wusste, spürte er es wirken. Das war nicht richtig! Eine neue Form von Entsetzen drohte ihn zu übermannen. Wie der Geschmack von Galle breitete sich lahme Hilflosigkeit auf seiner Zunge aus. Er durfte sich nicht unterkriegen lassen! Das war doch Ascan, mit dem er hier sprach. Der berüchtigte Rabe, der die Regeln der Garde bog, der als Einziger sein Geheimnis teilte und der ihn immer in Schutz nahm. Nein. Er kannte seinen Bruder. Das war gerade nur ein Teil der Maske.
„Du hast mir mal gesagt, dass du dir die Chance wünschst, einfach du selbst sein zu können", murmelte Lyu, den tiefsitzenden Schmerz in seiner Brust spürend, mit dem ihn dasselbe Verlangen quälte. Zum Mahrgram, er musste zu ihm vordringen, bevor diese Stadt ihnen beiden auch noch den letzten Funken Hoffnung nahm. „Frei von den Erwartungen, die alle haben. Genau wie ich es mir wünsche. Genau wie sie es sich wünscht!" Der drängende Blick in die Arena ließ jedoch sein Blut stocken. Aedia lag verkrümmt im Sand und der weiße Adler näherte sich ihr mit der Entschlossenheit eines Kriegers, der keine Gegnerin mehr für sich sah.
„Wünsche verändern rein gar nichts, Lyu." Der Tonfall des kommenden Monarchen, der die drohende Niederlage der Adlerin betrachtete, wog schwer wie ein Gletscher auf seinem Verstand. Klang und Bedeutung zogen Lyu gnadenlos hinab und ließen sein Herz gefrieren. Also war es immer nur ein Traum gewesen? Ein aussichtsloses Märchen... der unmögliche Wunsch eines dummen, kleinen Mädchens...
„Aber wenn sie es täten..." Lyuvins unverstellte, weibliche Stimme drang aus dem Schatten hervor. Ein letzter Gedanke, nur noch ein Hauch, der verloren übers Eis zog. Ein sterbender Flügelschlag, der Erinnerung einer Böe nachjagend, die es niemals gab.
„Wenn sie es täten..."
Die Bestätigung seiner Überzeugung, der finale Hieb des Adlers, erfolgte nicht. Was stattdessen geschah, ließ Ascans Augenbrauen nach oben schnellen und ein entgeistertes Grinsen über seine Lippen wehen. Die Aufmerksamkeit gleich beider Ypios blieb vom Manöver gebannt, mit dem die Adlerin ihr Schicksal herumriss. Kein einziges Wort fiel mehr zwischen ihnen, bis Aedia in lautlosem Triumph auf die Planke der Sieger sank. Und selbst dann blieb es still, bis die nächsten beiden Gardisten sich in der Arena zeigten und Lyu die Gelegenheit nutzte, einen flinken Fausthieb in die Seite seines Bruders zu setzen. Dessen Keuchen war von einem Schnauben kaum zu unterscheiden. „Jetzt sag mir nochmal, dass du sie nicht in deinem Trupp gebrauchen kannst", knurrte er, die schärfste Tonart wählend, die er in Petto hatte.
Es lag nun mehr Gewicht in seiner Forderung. Sie wussten es beide. Ascans dunkles Schmunzeln lockerte seine Haltung sichtlich und Lyu spürte wieder den Bruder neben sich, den er kannte. „Das heißt, du gibst ihr eine Chance", stellte er leise klar.
„Vielleicht... rede ich mal mit ihr", lehnte sich der Kommandant ein Stück auf die Seite, spähte zur Siegerbank und stieß derweil die Schulter seiner kleinen Schwester an, sodass diese - komplett überrumpelt - fast vom Ende der Planke kippte. Hastig verkrallte sich Lyu am Holz und murmelte einen derart verbotenen Fluch, dass Ascan es vorzog, ihn nicht gehört zu haben. „Du fliegst nach dem letzten Kampf sofort nach Hause. Keine Widerrede", ließ er der dreisten Dohle eine letzte Anordnung da. Zum ungezählten Mal schüttelte er den Kopf über sich, ihr all den Irrsinn durchgehen zu lassen, ehe er sich erhob und die strategisch klügere Position wieder einnahm, die es ihm erlaubte, sowohl die Arena als auch jeden Sylphen im Blick zu behalten, der das Gewölbe betrat oder verließ.
Aedia Itharell Thalis. Sein Medaillon im Schutze des Mantels drehend, sondierten Ascans Augen die trainierte, grauhaarige Sylphe, die noch immer etwas Blut im Gesicht trug. Er würde es Lyu zwar nicht auf die Nase binden, aber er hatte ihren Werdegang verfolgt. Es war allerdings kaum mehr als ein kurioses Interesse gewesen, war ihr Wunschdenken doch nie zum Gelingen bestimmt gewesen. Die erste Adlerin in der Geschichte der Garde... das besaß durchaus einen gewissen Klang. Der Trupp, dem sie angehörte, würde zweifellos ins Kreuzfeuer der dunkelsten Gerüchte geraten... und welcher Kommandant wäre schon so wahnwitzig, seinen guten Ruf nur für ein Kuriosum zu riskieren?
Im Schatten der Kapuze sah niemand das Lächeln des Raben.