Aedia I. Thalis
Aedia ♦ Ima-Luvis | 191 ED | Pha ♦

04 / 04
Der Blutmond glüht, doch die Arena schweigt.
Die Plätze füllen sich, doch der Ring bleibt leer.
Unter den Adlern fliegt einer, dessen Anblick reicht, um den Mut zu brechen
Sein mächtiges Gefieder lässt die Spähenden erblassen
Sein Name wird nicht gerufen. Nur gemieden.
Kein Adler wagt es, ihm entgegenzutreten.


Doch du, Rabe?
Fürchtest du die Klauen?




04. Tag. 04. Spanne.
Blutmond

In ganz Pheretia gab es nur wenige Sylphen, die wussten, was diese Daten zu bedeuten hatten. Doch es gab eine Tradition, die nun schon 50 Zyklen überdauerte - fernab des täglichen Geschehens und verborgen vor den Blicken neugieriger Beobachter. Zu jeder vierten Phase, wenn das Licht des Mondes ganz Ima-Luvis verschlang, versammelten sich einige Gardisten, um aus ihrem kontrollierten und strengen Alltag auszubrechen. Es war eine Feierlichkeit, geboren aus Frust, nachdem die Städte wie Asche vom Himmel gefallen waren. Zu einer Zeit, in der die Sylphen zwischen Verzweiflung und dem unerbittlichen Drang, ihre Welt neu zu ordnen, gefangen waren.
Schon unter den Rekruten breitete sich das Gerücht über diesen Brauch manch eines Gardisten wie ein loderndes Feuer aus. Doch wer versuchte, mehr darüber zu erfahren, stieß auf Schweigen und Ausflüchte. Niemand wagte es, offen über den Schattenkampf in der Blutmondarena zu sprechen. Schnell verlernten die Rekruten, weitere Fragen zu stellen, doch die geheimnisvolle Kunde blieb lebendig. Selbst unter den Gardisten fiel kein Wort darüber und mit dem ersten Tag des Grabmonds verstummten auch alle Berichte über den Sieger und die Teilnehmenden. Ganz so, als wäre diese Tradition nicht mehr als eine verblassende Legende.

Aedia war sich sicher, dass sich dies mit dem folgenden Tag ändern würde.

Muffige Luft hing in dem Gewölbe, die Fackeln warfen flackerndes Licht auf modrige Steinwände und den Innenraum der Arena, die einst als unterirdische Lagerhalle am Knotenpunkt der Stadt gedient hatte. Die Tribüne bestand aus wackelig aufgestellten Holzplanken, doch bot sie ringsum einen guten Überblick auf die eintreffenden Kontrahenten, die allesamt mit schwarzem Stoff bedeckt waren. Die Zuschauer trugen dieselben dunklen Roben, deren schwere Kapuzen ihnen bei Belieben tief ins Gesicht fielen und deren weiter Schnitt sowohl Körper als auch Schwingen vollständig verhüllte. In dieser Halle gab es keine Namen und keine Ränge. Es gab nur Schatten, die sich im Fackellicht bewegten und ihre Taler auf die jeweiligen Sieger setzten. Die Teilnehmenden konnten sich erst am Abend des Blutmondes und ohne offizielle Verzeichnung für den Kampf registrieren. Nicht einmal die Kontrahenten wussten, wem sie in der Arena gegenübertraten, ob Freund, Rivale oder jemand völlig unbekanntem. Dabei entschied ein einfaches Losverfahren über die antretenden Gegner, sowohl in den ersten Zweikämpfen als auch in den folgenden Siegesrunden.

"Duell Nummer drei!"
Die tiefe Stimme hallte von der Arena bis in den Seitengang. Sofort begann das Herz der Adlerin vor Aufregung zu rasen, als sie sich von der Bank erhob und ihrem Mitstreiter in die Halle folgte. Der Sylph überragte sie deutlich. Schon beim ersten Schritt auf die staubige Erde spürte sie das raue Gefühl unter ihren nackten Füßen und hörte zugleich die ersten belustigten Kommentare aus den Zuschauerrängen. Allein ihre Größe reichte aus, damit die ersten Silberlinge klirrend in den Töpfen landeten, die durch die Reihen gereicht wurden. Sie musste sich nicht einmal enthüllen. Der Sieg schien ihrem Kontrahenten sicher. Ein Fakt, der ihn noch selbstbewusster voranschreiten ließ, bevor er vor den Rängen inne hielt. Er zog die Robe von seinem Körper und reichte diese einer weiteren verschleierten Gestalt. Wie alle Teilnehmenden der Schattenkämpfe trug er darunter keine Rüstung. Der Körper des weiß gefiederten Mannes war nur spärlich von eng gewickelten Bandagen bedeckt. Nicht aus Notwendigkeit, sondern vielmehr, um seine Muskeln zur Schau zu stellen und so seine Chancen auf hohe Einsätze in den nächsten Runden zu steigern.
Als Waffe wählte er den hölzernen Streitkolben - die schwerste und unhandlichste aller bereitliegenden Waffen, die einen Gegner mit einem einzigen, präzise platzierten Schlag ins Reich der Schatten befördern konnte. Dann trat er zur Seite und wandte sich ihr mit einem breiten, siegessicheren Grinsen zu.
Aedia nahm einen tiefen Atemzug. Sie wusste genau, dass in wenigen Augenblicken ein Zustand ungebändigter Raserei ausbrechen würde. Doch ein Zurück gab es nicht. Ohne zu zögern trat auch sie vor und riss sich mit einer einzigen, fließenden Bewegung den verhüllenden Stoff vom Leib. Gespräche verstummten augenblicklich. Ein kollektives Lufteinziehen raste wie eine hörbare Welle durch die Reihen. Im Gegensatz zu ihrem Mitstreiter war sie nicht halb unbekleidet. Gebundene Tücher verdeckten den Großteil ihrer Haut, doch war es nicht ihre Bekleidung, die all die Sylphen zum Verstummen brachte. Es war ihre reine Anwesenheit.

„Bitte?" Die gehauchte Stimme des weißgefiederten Sylphen zerschnitt die gespannte Stille wie ein kalter Windhauch. Aedia war ihm noch nie zuvor begegnet, doch in seinem Blick lag eine Mischung aus Unglauben und wachsender Empörung. Die ersten Zuschauer begannen zu tuscheln. „Das meint ihr doch nicht ernst?" Seine Stimme schwoll an, überschlug sich fast. Mit betonten Schritten trat er auf den Sylphen zu, der die abgelegte Robe noch immer in den Händen hielt, sichtlich überrumpelt davon, wer unter dem Stoff hervorgetreten war. „Sie? Ich soll mit ihr kämpfen?", zischte er, ohne Aedia auch nur eines Blickes zu würdigen. „Das ist doch lächerlich! Sie ist kein würdiger Gegner! Sie dürfte hier nicht einmal zugelassen sein!"
Der Schweiß trat ihm sichtbar auf die Stirn. Er wusste, was auf dem Spiel stand und es war weit mehr als nur ein paar Taler im Einsatz. Der Sylph hatte keine Ahnung, wer sich unter den verhüllten Zuschauern verbarg. Vielleicht ein Kommandant, den er beeindrucken konnte. Vielleicht jemand, der Einfluss auf seine Laufbahn hatte. Ein einziger Fehltritt konnte ihn alles kosten. Denn nur zwei Ausgänge waren denkbar: Entweder schlug er vor aller Augen eine zierliche Frau nieder, während Kameraden und Fremde gleichermaßen zusahen. Oder aber er verlor. Gegen sie. Und mit ihr nicht nur das Preisgeld, sondern auch sein ganzes Ansehen. Seine Zukunft...
Aedia schmunzelte belustigt, als hätte sie nichts anderes erwartet. Noch während der Sylph aus der Haut fuhr, tänzelte sie an ihm vorbei und griff sich zwei hölzerne Dolche von dem aufgebauten Waffentisch. Aus den Reihen hörte sie dabei unterschiedlichste Worte. Von irgendwo drang ihr Name zu ihr. Das Wort "verirrt" schallte in den Reihen. Es war schwer genug, die Beleidigungen auszublenden. Daher ersparte sie sich, den Blick zu heben und auch noch die Abscheu und Verachtung in den Gesichtern zu entdecken. Stattdessen sah sie starr vor sich hin, drehte die Dolche in geübter Manier in ihren Händen und wandte sich dem Sylphen zu.
"Nicht zugelassen werden nur Laien und Rekruten. Ich bin Gardistin. Haben wir nicht denselben Rang, Kamerad?", sprach sie die Worte klar und deutlich und nutzte bewusst die Bezeichnung, die manch einem Anwesenden die Federn kräuseln ließ.

Gardistin... Ein Begriff, der noch vor wenigen Spannen nicht existiert hatte.

Ascan D. Ypios
Ascan Das erste Duell hatte er wie auf dem Stechbrett sitzend verbracht. Zum Mahrgram, er war kurz davor, sich die verdammten Nägel abzukauen! Natürlich hatte er auf den richtigen Adler gesetzt und sich ein kleines Vermögen gesichert, aber darum ging es heute nicht. Wieder flog sein messerscharfer Blick über die morschen Planken hinweg, raste durch den Innenraum des Gewölbes und stach in die Schatten des halb eingestürzten Ganges, der den einzigen Zugang zur Arena darstellte. Der Brief war eindeutig gewesen! Keine Frage, dass er ihn auf Anhieb erkennen würde. Allein an der Haltung. Allein an... einfach allem!

Wieder enthüllten sich zwei Adler, begleitet vom Klingen blanker Münze. Wieder entbrannte ein brachialer Schlagabtausch, bei dem Holz splitterte und heißes Blut bis an die Wände spritzte. Und wieder stieß er einen scharfen Atemzug aus, der zwischen Frustration und Ungeduld schwankte. Eine Faust gegen die Wange gestemmt, unentwegt eine Dukate empor schnipsend und wieder fangend, starrte er aus dem Schutz seiner Kapuze auf eine bestimmte, verhüllte Gestalt, die seine Aufmerksamkeit für eine Weile gebannt hielt, ehe er den Kopf wieder drehte. Noch immer grinste ihm der Spalt hohl entgegen. „Komm schon", murmelte er. „Enttäusch mich nicht!"

Doch auch das zweite Duell endete, die Mäntel fielen zum dritten Mal und mit Mal knirschten seine Zähne hörbar, kaum dass er erkannte, wer dort als nächstes antrat. Zum Glück sah niemand, was sich auf seinem Gesicht abspielte. Sie war es! Der widerspenstige Rauch am klaren Himmel der Gesellschaft... der kühnste Wunsch im Angesicht Epheons... der Dorn im Hacken der Garde, auf den niemand treten wollte. Nicht einmal hier, wo nur der bloße Schneid zählte!

Das Gebaren des größeren Adlers ließ seine Schläfen wie im Fieber pochen. Das Tuscheln auf den Planken machte ihn krank. Hatte er da etwa gerade den Begriff ‚verirrt' gehört? Die Adlerin hatte Recht mit ihrer Frage. Dass sie es wagten! Zorn kratzte in seinem Rachen und er wusste mit solcher Sicherheit, wie seine Worte klingen würden, genau jetzt, genau hier – wusste, was allein seine Stimme bewirken würde – dass der Impuls sich schlicht nicht bremsen ließ.

„Wer trägt hier das Kleidchen, Kamerad?", spaltete sein Spott die Menge wie eine bleischwere Peitsche. Dass es schlagartig ruhiger wurde, verriet nur zu gut, dass die Adler seinen Tonfall erkannten, auch wenn sie nicht wussten, woher die Stimme stammte. Für den abschließenden Hieb konnte er sogar ruhiger werden. „Niemand fürchtet einen Adler, der nicht kreischt, sondern jammert. Soll das... Pheretias Stolz sein?"

Es genügte. Die Blicke wanderten. Der Adler in der Arena wirkte im rechten Maß erschüttert. Sich ebenfalls umsehend, wenn auch nach etwas anderem, fügte sich der Verhüllte in die überrumpelte Menge ein, die den zukünftigen Monarchen zu erspähen gedachte. Er konnte es sich wirklich nicht leisten, entdeckt zu werden. Schon gar nicht, bevor er sichergestellt hatte, dass sie die Chance erhielt, sich auch ihm zu beweisen.

Aedia I. Thalis
Aedia All das Getuschel zerfiel augenblicklich, als die tiefe, schneidende Stimme wie ein Donnerschlag durch die Arena fuhr. Aedia konnte beobachten, wie die Köpfe der Sylphen ruckartig herumfuhren. All die Adler wirkten plötzlich wie verschleierte Eulen: misstrauisch und mit großen Augen starrend.
Konnte es sein? Ihr eigenes Herz machte einen aufgeregten Sprung. Sie selbst war dem Raben noch nie begegnet, kannte nur die Geschichten, die man sich von dem Kommandanten erzählte. Doch die Reaktion ihrer Kameraden ließ keine Zweifel. Es war seine Stimme. Versteckt unter den dunklen Mänteln war er ihrer Einladung gefolgt. Dabei hatte sie es kaum zu hoffen gewagt. Aedia hatte es sich lediglich gewünscht und die letzten Nächte schlaflos in ihrer Kammer verbracht, um sich all die möglichen Szenarien auszumalen, die dieser Abend mit sich brachte.
Die schlimmste Vorstellung war, dass der Neffe Veras sie vor versammelter Mannschaft für ihre trügerische Nachricht zurechtweisen würde. Dass er ihre Arroganz verurteilte und ihr keine Chance gab, den Kampf zu bestreiten. Schlimmer noch... Dass er ihre Degradierung veranlasste. Stattdessen erfüllten seine Worte sie mit Hoffnung. Aedia spürte, wie sich dieser schwere Klotz in ihrem Magen mit einem Mal löste. Sie suchte ihn ebenfalls vergeblich zwischen den Schatten, doch wandte sie sich mit den weiteren Worten ihrem Kontrahenten zu. Ein zufriedenes Lächeln spielte auf ihren Lippen. Herausfordernd zog sie eine Augenbraue hoch.

Die Reaktion des weißgefiederten Sylphen fiel deutlich weniger erfreut aus. Sein Herz schlug ihm sichtlich bis zum Hals. Sein Blick suchend und alarmiert, als wäre es Angst, die durch seine Adern jagte. Aedia konnte kaum ergründen, welch wirre Gedanken ihn wohl quälten. Und dann riss ein weiterer Ruf die wartende Stille entzwei. "Nun los! Wir sind nicht hier, um euch beim Verwesen zu beobachten!" schallte eine Stimme durch das Gewölbe, gefolgt von zustimmenden Lauten einer plötzlich aufgescheuchten Menge. Wieder ertönte das Klirren von Talern, die in den Preistöpfen landeten.
Der Sylph fand ihren Blick.
"Was willst du mit diesen Zündhölzern überhaupt ausrichten? Wenn du erwartest, dass ich mich zurückhalte - "
"Nun schließ endlich den Schnabel, bevor ich ihn dir stopfe!" zischte sie, noch ehe er den Satz beenden konnte. Das Lächeln auf ihren Lippen verwandelte sich zu einem breiten Grinsen. Eines, das an ihrem Verstand zweifeln ließ. Es genügte. Sie sah die Wut in seinen Augen aufflammen. Ohne weitere Warnung, nur begleitet von einem aufbrausenden Ruf des Kampfes, stürzte er sich auf sie. Der Sylph, der die Robe gehalten hatte, wich noch hastig zur Seite, stolperte beinahe und hob die Hand zum Zeichen. Erst einen Herzschlag später ertönte der Gong der Klangplatte, der den offiziellen Kampf etwas verspätet einleitete.

Das Untergeschoss der alten Lagerhalle bot nicht viel Platz für einen Luftkampf. Die beiden Adler hielten sich mit geringem Abstand über dem Boden, dessen Staub bei jedem Flügelschlag in dichten Wolken aufwirbelte. Aedias Taktik war recht simpel, doch lag gernau darin ihr Vorteil. Sie war kleiner und wendiger als ihr massiver Gegner. Er setzte auf rohe Kraft. Sie auf Schnelligkeit. Sie nutzte diese Agilität, wich seinen schweren Hieben mühelos aus und setzte selbst den ein oder anderen gezielten Treffer.
Allerdings behielt ihr Gegner in einem Punkt recht. Ihre hölzernen Dolche waren vollkommen nutzlos. Ohne scharfe Klingen war es ihr nahezu unmöglich, ihm schwächende Verletzungen zuzufügen. Zudem war er kein Anfänger. Der ältere Gardist wusste sich ebenfalls zu bewegen und konterte mit eben gleicher Präzision. So vergingen einige Minuten, in denen keiner von ihnen mehr einbüßte, als reine Ausdauer und ein paar blaue Flecken.
Dann kam der entscheidende Moment. Der Sylph hatte ihr Flugmuster durchschaut. Noch während ihres Anflugs änderte er die Richtung seines Hiebs. Der Kolben traf sie mit voller Wucht in der Magengrube. Der Schwung ausreichend, um ihren Angriff abrupt zu stoppen und sie quer durch die Arena zu schleudern.
Der folgende Aufprall war alles andere als sanft. Noch im Sturz zog die Adlerin die Schwingen dicht an den Körper, versuchte, den Aufprall zu lenken, um sie vor dem Schlimmsten zu bewahren. Sie schlug hart auf, rutschte bäuchlings über den trockenen Boden, bis sie keuchend zum Stillstand kam. Der Schmerz in ihrer Brust so deutlich, dass er ihr die Luft aus den Lungen presste. Ihr Kopf schwirrte. Aus der Ferne drang das Zischen der Menge an ihr Ohr und irgendwo im Raum ertönte ein spöttischer Lacher. Aber der Kampf war noch nicht vorbei. Denn es gab nur zwei Arten, wie ein Duell enden konnte: Kapitulation oder reine Bewegungsunfähigkeit. Und sie war noch nicht bereit aufzugeben.

Aedia schnaufte. Sie rappelte sich auf alle Viere und betrachtete das Blut, das ihr von der Lippe tropfte und einen malerischen Kontrast auf dem sandigen Boden bildete. Ihr Magen krampfte. Inmitten dessen spürte sie diese willkommene Wärme, die durch ihre Adern pumpte. Wie eine innere Kraft, die sich lodernd in ihr aufbäumte und den Schmerz weit in den Hintergrund drängte. Ein trotziger Impuls des Körpers, im Kampf die letzten Kräfte zu mobilisieren. All die Zuschauer, die Kommentare und Geräusche versuchte sie auszublenden. Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Schritte hinter sich, die verstummten, als der Sylph sich leise in die Luft erhob. Es waren nur wenige Pulsschläge. Ein kurzer Augenblick, begleitet von dem leisen Wispern, das seine Flügel durch die Luft schnitten. Und dann, kurz bevor er sich auf sie stürzen und sie greifen konnte, schleuderte sie sich auf den Rücken. Sie ließ ihre Schwingen auf dem Boden aufschlagen, wohl wissend, dass sie sich damit noch schwerer verletzen konnte. All ihre Wunden würden heilen. Somit zählte nur eines: Ihn zu überraschen und seinen Knöchel zu fassen. Noch während der Sylph taumelnd Stand suchte, sprang die Adlerin auf die Beine, warf sich auf seinen Rücken und umklammerte ihn mit ihrem gesamten Körper. Ihre Arme legten sich eisern um seinen Hals, während seine Schwingen wild flatterten und sich seine Fingernägel abwehrend in ihre Arme gruben.
Der klammernde Parasit brachte ihn zum Straucheln. Ein einzelner falscher Schritt reichte und Aedia riss ihn mit sich in den Staub. Doch obwohl sie seitlich aufschlug und dabei halb von seinem Gewicht begraben wurde, ließ sie nicht locker. Sie klammerte sich so fest an ihn, als hinge ihr Leben davon ab. Stark darauf bedacht, nicht auch mit den Schwingen unter ihm zu landen. Ein Bein warf sie über seine Schulter, während ihre Arme sich noch enger um seinen Hals legten. Er rang nach Luft. Die schiere Panik fand schnell in seinen Augen und in seinen Bewegungen, die mit jedem weiteren Pulsschlag eher einem unkontrollierten Zappeln glichen, als einer sinnvollen Verteidigung. In diesem Moment kämpfte er nicht mehr um den Sieg oder um sein Ansehen. Es war das Gefühl des Todeskampfes, das Ringen nach Sauerstoff, das ihn letztlich dazu veranlasste, von ihren Armen abzulassen und panisch neben sich auf den Boden zu klopfen. Drei Schläge. Der Klang der Platte. Stimmen erstickten.

Der Schall des Sieges klirrte in ihren Ohren. Laut genug, damit sie ihren Griff augenblicklich löste. Sofort riss der Weißgefiederte sich von ihr los, stützte sich keuchend auf seine Hände und versuchte, seine Atmung zu regulieren. Auch Aedia ließ sich zurückfallen, schloss für einen Moment die Augen und atmete tief ein. Alles drehte sich. Ihr Körper ächzte vor Schmerz und ihr Kopf dröhnte unbarmherzig. Die Wunde an ihrer Schläfe nahm sie kaum wahr. Sie wollte auch nicht wissen, welchen Eindruck ihr aufgeschürfter Körper all den anwesenden Sylphen bot. Dennoch... Trotz der Schmerzen zeigte sich ein schmales Lächeln auf ihren Lippen, begleitet von einem rasselnden Laut, der einem Auflachen glich. So kämpfte sie sich wackelig auf die Beine und wandte sich der Planke in der vordersten Reihe zu, auf der die zwei vorherigen Sieger Platz genommen hatten.
Im Gegensatz zu ihnen hatte sie ihr Ziel für den Abend erreicht. Denn die Adlerin wollte lediglich eines: gesehen werden.
Und hoffentlich überlegte sich künftig jeder dieser Kampfgockel zweimal, ob es klug war, sie zu unterschätzen.

Ascan D. Ypios
Ascan Erst Spott und dann Ansporn erfüllten ihren Zweck. Wäre es nötig gewesen, hätte er sogar noch mehr auf Lager gehabt, aber die Itharell spielte ihm in die Karten. Sie machte wirklich keinen Hehl aus ihrer Entschlossenheit. Ihre gezischte Drohung ließ ein freches Grienen in seinen Mundwinkeln aufkeimen, das jedoch abrupt erlosch, als ein Verhüllter sich entschloss, direkt neben ihm Platz zu nehmen. Was zum...?

Noch ehe seine Augenbrauen ganz nach oben geklettert waren, vernahm sein Ohr, was sein suchender Blick vermisst hatte. „Du diebische Dohle, wohin verfliegst du dich? Noch dazu mit meiner Stimme im Schnabel..."

Wie hätte er nicht ertappt schmunzeln können? „Hallo Bruderherz", raunte er nicht minder verschwörerisch zurück, diesmal seine bevorzugte Stimme wählend. Es war eine wohlkurierte Eigenkreation, die ebenfalls – es war kaum abzustreiten – verdächtig vertraute Nuancen enthielt. „Nur eine kleine Leihgabe... immerhin war es das, was du hättest sagen sollen."

Obwohl er den Kopf leicht drehte und jegliches Detail unter der Kapuze seines Sitznachbarn zu erspähen versuchte, wirkte der Schatten seines Bruders im Fackellicht wie ein Phantom. Ein beklemmend bekannter Eindruck, den die trockene Antwort, die folgte, nur noch verstärkte. „Ich mische mich nicht in die Schattenkämpfe ein. Schon gar nicht, um Partei zu ergreifen."
Heißes Blut schoss ihm in die Schläfen. Das war die Seite an ihm, die er am wenigsten mochte. Sein Kinn wies unübersehbar zur Arena, in der der Kampf endgültig entbrannt war. „Für SIE solltest du dich einmischen! Es war immerhin ihr Brief, der dich gereizt hat! Sie ist außergewöhnlich! Eine begabte Adlerin, die es verdient, gesehen zu werden!"

„Sag bloß, du gehörst zu ihrem Schweif." Der amüsierte Unterton, der in der Bemerkung mitschwang, plusterte ihm die Federn auf. „Also deswegen lag das Schreiben so verdächtig auffällig vor meinem Bett." „Nein! Vielleicht! Selbst wenn!" Er war unbewusst etwas zu laut geworden. Ertappt die Stimme senkend, verfluchte er die peinliche Röte auf seinen Wangen. Glücklicherweise hatte ihn die Geräuschkulisse des Gewölbes übertönt. „Darum geht es nicht! Sie braucht eine Gelegenheit, um sich zu beweisen. Eine Chance, die du ihr geben kannst. Sie hat alles, was es braucht. Nimm sie in deinen Trupp auf!"

Die kurze Stille war so viel schlimmer als der sanfte Spott. „Ich treffe meine Entscheidungen nicht auf Empfehlung, Lyu. Die Zusammenstellung eines Trupps unterliegt komplexen Wechselwirkungen."
„Oh bitte!", stieß es dem jüngeren Sylphen bitter auf. „Zum Mahrgram, du wählst ständig Adler auf Empfehlung! Die Schneegans plappert einen Namen und du drehst es so, dass es passt. Auf meinen Vorschlag legst du keinen Wert?" „Die Schneegans ist, so ungern du es hörst, ein ausgebildeter Taktiker der Garde. Du dagegen..." Sein Schweigen war bezeichnend und drang Lyuvin bis tief in die Knochen. Selbst Aedias tosender Kampf, um den es ihm eigentlich ging, verblasste auf einen Schlag zum Schattenspiel. Das wollte er unmöglich andeuten... das war nicht sein Ernst... und doch... fiel kein weiteres Wort.

Mit der Kränkung im Schatten seiner Kapuze allein, merkte Lyu sich seinen Bruder anstarren. Seine vermaledeiten, adretten Fingernägel ritzten ihn schmerzhaft, so tief grub er sie in seine Haut. Ascans Gesicht blieb derweil der Arena zugewandt, auf den Kampf fokussiert. Ganz so, als wäre das Thema für ihn damit erledigt.

Die beißende Wut in seinem Atem beherrscht, seine Stimme unter Kontrolle, brachte Lyu es auf den Punkt: „Xox! Das hättest du früher nie zu mir gesagt. Seit du den Santhariel kennst, bist du anders. Du lächelst anders. Du redest anders." „Seit Aras' Tod ist vieles anders."

Was? Nein. Langsam den Kopf schüttelnd, wehrte Lyu sich gegen die Endgültigkeit in den Worten seines Bruders. Vaters Tod zu beschwören, konnte nur darauf abzielen, ihn mundtot zu machen... und zum Mahrgram, obwohl er es wusste, spürte er es wirken. Das war nicht richtig! Eine neue Form von Entsetzen drohte ihn zu übermannen. Wie der Geschmack von Galle breitete sich lahme Hilflosigkeit auf seiner Zunge aus. Er durfte sich nicht unterkriegen lassen! Das war doch Ascan, mit dem er hier sprach. Der berüchtigte Rabe, der die Regeln der Garde bog, der als Einziger sein Geheimnis teilte und der ihn immer in Schutz nahm. Nein. Er kannte seinen Bruder. Das war gerade nur ein Teil der Maske.

„Du hast mir mal gesagt, dass du dir die Chance wünschst, einfach du selbst sein zu können", murmelte Lyu, den tiefsitzenden Schmerz in seiner Brust spürend, mit dem ihn dasselbe Verlangen quälte. Zum Mahrgram, er musste zu ihm vordringen, bevor diese Stadt ihnen beiden auch noch den letzten Funken Hoffnung nahm. „Frei von den Erwartungen, die alle haben. Genau wie ich es mir wünsche. Genau wie sie es sich wünscht!" Der drängende Blick in die Arena ließ jedoch sein Blut stocken. Aedia lag verkrümmt im Sand und der weiße Adler näherte sich ihr mit der Entschlossenheit eines Kriegers, der keine Gegnerin mehr für sich sah.

„Wünsche verändern rein gar nichts, Lyu." Der Tonfall des kommenden Monarchen, der die drohende Niederlage der Adlerin betrachtete, wog schwer wie ein Gletscher auf seinem Verstand. Klang und Bedeutung zogen Lyu gnadenlos hinab und ließen sein Herz gefrieren. Also war es immer nur ein Traum gewesen? Ein aussichtsloses Märchen... der unmögliche Wunsch eines dummen, kleinen Mädchens...

„Aber wenn sie es täten..." Lyuvins unverstellte, weibliche Stimme drang aus dem Schatten hervor. Ein letzter Gedanke, nur noch ein Hauch, der verloren übers Eis zog. Ein sterbender Flügelschlag, der Erinnerung einer Böe nachjagend, die es niemals gab.

„Wenn sie es täten..."

Die Bestätigung seiner Überzeugung, der finale Hieb des Adlers, erfolgte nicht. Was stattdessen geschah, ließ Ascans Augenbrauen nach oben schnellen und ein entgeistertes Grinsen über seine Lippen wehen. Die Aufmerksamkeit gleich beider Ypios blieb vom Manöver gebannt, mit dem die Adlerin ihr Schicksal herumriss. Kein einziges Wort fiel mehr zwischen ihnen, bis Aedia in lautlosem Triumph auf die Planke der Sieger sank. Und selbst dann blieb es still, bis die nächsten beiden Gardisten sich in der Arena zeigten und Lyu die Gelegenheit nutzte, einen flinken Fausthieb in die Seite seines Bruders zu setzen. Dessen Keuchen war von einem Schnauben kaum zu unterscheiden. „Jetzt sag mir nochmal, dass du sie nicht in deinem Trupp gebrauchen kannst", knurrte er, die schärfste Tonart wählend, die er in Petto hatte.

Es lag nun mehr Gewicht in seiner Forderung. Sie wussten es beide. Ascans dunkles Schmunzeln lockerte seine Haltung sichtlich und Lyu spürte wieder den Bruder neben sich, den er kannte. „Das heißt, du gibst ihr eine Chance", stellte er leise klar.

„Vielleicht... rede ich mal mit ihr", lehnte sich der Kommandant ein Stück auf die Seite, spähte zur Siegerbank und stieß derweil die Schulter seiner kleinen Schwester an, sodass diese - komplett überrumpelt - fast vom Ende der Planke kippte. Hastig verkrallte sich Lyu am Holz und murmelte einen derart verbotenen Fluch, dass Ascan es vorzog, ihn nicht gehört zu haben. „Du fliegst nach dem letzten Kampf sofort nach Hause. Keine Widerrede", ließ er der dreisten Dohle eine letzte Anordnung da. Zum ungezählten Mal schüttelte er den Kopf über sich, ihr all den Irrsinn durchgehen zu lassen, ehe er sich erhob und die strategisch klügere Position wieder einnahm, die es ihm erlaubte, sowohl die Arena als auch jeden Sylphen im Blick zu behalten, der das Gewölbe betrat oder verließ.

Aedia Itharell Thalis. Sein Medaillon im Schutze des Mantels drehend, sondierten Ascans Augen die trainierte, grauhaarige Sylphe, die noch immer etwas Blut im Gesicht trug. Er würde es Lyu zwar nicht auf die Nase binden, aber er hatte ihren Werdegang verfolgt. Es war allerdings kaum mehr als ein kurioses Interesse gewesen, war ihr Wunschdenken doch nie zum Gelingen bestimmt gewesen. Die erste Adlerin in der Geschichte der Garde... das besaß durchaus einen gewissen Klang. Der Trupp, dem sie angehörte, würde zweifellos ins Kreuzfeuer der dunkelsten Gerüchte geraten... und welcher Kommandant wäre schon so wahnwitzig, seinen guten Ruf nur für ein Kuriosum zu riskieren?

Im Schatten der Kapuze sah niemand das Lächeln des Raben.